• Gülpinar Günes

«Werden uns ein Gläschen Rotwein gönnen»: Hüttenwarte der Mutthornhütte feiern 125. Jubiläum

Am Wochenende vom 22. August wird die Mutthornhütte in den Berner Alpen 125 Jahre alt. Sie gehört seither der SAC Sektion Weissenstein und wird seit 16 Jahren von Erika und Toni Brunner bewartet.


Erika und Toni Brunner sind seit 16 Jahren Hüttenwarte der Mutthornhütte in den Berner Alpen. Foto: zvg


«Es hat am Morgen noch ein wenig geschneit.» Toni Brunner spricht ins Satellitentelefon auf der Mutthornhütte. «Aber sonst ist das Wetter sehr schön heute. Wenn auch etwas kälter als an den Tagen davor.» Die Antworten des Hüttenwarts kommen etwas verzögert. Seine Worte müssen zuerst ins Weltall und dann zurück auf die Erde. Immerhin liegt das Telefon bereits auf 2900 Metern Höhe, da fehlt nicht mehr viel. Dieses Wochenende sollte dort oben im hochalpinen Berner Oberland ein Jubiläumsfest stattfinden: Die SAC Sektion Weissenstein, der die Hütte zwischen dem Tschingel- und dem Mutthorn gehört, hätte das 125-jährige Bestehen der Hütte feiern wollen.


Aber das Fest wurde wegen der momentanen Lage abgesagt und auf nächstes Jahr verschoben. «Es reut einem schon, dass sie nicht stattfindet», sagt Brunner. Aber wegen der Auflagen hätten lediglich die Hälfte der Gäste kommen können. Eine Art tiefere Betroffenheit sickert durch seine Stimme. «Nächstes Jahr ist es halt nicht mehr das 125. Jubiläum, das ist uns sehr bewusst», hängt er an. «Wir werden daher diesen Samstag sicher daran denken und uns ein Gläschen Rotwein gönnen.»


Hüttenwart seit vier Generationen


Toni Brunner ist im Stechelberg im Lauterbrunnental aufgewachsen. Er ist gelernter Zimmermann und war lange Zeit als Bergführer unterwegs. Den 57-Jährigen verbindet eine vier Generationen umspannende Geschichte mit der Mutthornhütte: Sein Urgrossvater war der erste Hüttenwart, nachdem sie 1895 von der Sektion Weissenstein erbaut wurde. Seither kümmert sich die Familie Brunner um die Hütte.


Mit sieben Jahren konnte Toni Brunner zum ersten Mal hoch zu seinen Eltern, damals noch mit einem Flächenflugzeug. «Das war damals das Grösste für mich», sagt er, wohl mit einem Lächeln am anderen Ende des Hörers. Dort oben habe er seine Leidenschaft fürs Bergsteigen entdeckt. «Ich hätte mir nicht vorstellen können, den Sommer im Tal zu verbringen.»


Die Mutthornhütte wurde 1895 von der SAC Sektion Weissenstein erbaut. Sie befindet sich zwischen dem Tschingel- und dem Mutthorn auf 2900 Metern Höhe, zwischen mehreren Gletschern. Foto: Peter Lukas Meier


Selbst James Bond war vor Ort


Flüchtig erinnert sich der jetzige Hüttenwart auch an jene Zeit, als sein Vater einen Stunt-Double für den James Bond Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» spielen durfte. «Die Stuntmänner schliefen währenddessen in unserer Hütte und brachten Plastikpistolen mit», erinnert er sich. «Mit denen haben wir Kinder Indianer gespielt.» Ansonsten hiess es für ihn: Entweder in der Hütte mitanpacken oder klettern gehen. Was es genau heisst, Hüttenwart zu sein, das erfuhr er später. «Ich habe erst darüber nachgedacht, die Hütte zu übernehmen, als meine Eltern ins Pensionsalter kamen», sagt Brunner.


Die Arbeit als Bergführer habe ihn bis dahin während der Sommersaison ziemlich auf Trab gehalten. Allerdings auf Kosten der Familienzeit. «Wir haben gehofft, als Hüttenwarte mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können.» Nach einem Probejahr übernahmen er und seine Frau Erika Brunner schliesslich die Hütte in 2004.


Die gelernte Gärtnerin aus dem Diemtigtal ist während des Gesprächs am Mittwochmorgen in der Küche und bereitet bereits das Abendessen für die Gäste vor. Wann immer möglich, verwende sie frische und saisonale Produkte aus der Region. Das würden die Besucher sehr schätzen, meint sie.  Seit 16 Jahren teilen sie und ihr Ehemann sich die harte Arbeit auf fast 3000 Metern in der Höhe. Meist steht Toni Brunner in der tiefsten Nacht auf, um das erste Frühstück um 3 Uhr früh auf den Tisch zu bringen. Um 4 Uhr folgt das zweite. «Die Arbeit ist anstrengend», sagt er.


Die Zimmerstunden während der 12-Stunden-Tage müsse man zwingend dafür nutzen, Schlaf nachzuholen. «Sonst merkt man nach zwei bis drei Tagen, dass man an Schlafmangel leidet und Mühe hat, ein Lächeln aufzusetzen», sagt er. Das sei manchmal nicht so einfach, wenn das wunderschöne Panorama nach draussen lockt. Von Mitte Juni bis Mitte September braucht es von beiden vollen Körpereinsatz, sieben Tage die Woche. «Erst nach der Saison, wenn wir wieder im Tal sind, spüren wir die Müdigkeit der drei Monate.» Dann helfe nur noch eine vierwöchige Auszeit bevor es dann wieder losgeht mit der Arbeit als Bergführer und Skilehrer über die Wintersaison.


Durch die Sektion den Solothurner Jura entdeckt


Ausserhalb der Hüttensaison bleibt den beiden wieder mehr Zeit für Familie und Freunde. Seit Jahren pflegen sie eine gute Freundschaft zur SAC Sektion Weissenstein. Toni Brunner kennt viele Mitglieder bereits seit seiner Kindheit. «Es ist schön ab und zu abseits der Berge mit ihnen zusammenzusitzen», sagt der Hüttenwart. Durch die Zusammenarbeit mit dem Solothurner SAC lernten die Berner Oberländer mittlerweile auch das Solothurner Jura und das Club Haus Backi bei Gänsbrunnen kennen. Umgekehrt wüssten aber viele Gäste nicht, dass die Mutthornhütte den Solothurnern gehört. «Viele Gäste interessieren sich auch nicht dafür», meint Brunner.


Ohnehin seien die Gäste in den vergangen Jahren rarer geworden auf dem Mutthorn. Während bis vor einigen Jahren 1200 Übernachtungen die Regel waren, erreicht die Familie heute kaum mehr 1000. «Wir haben uns schon oft gefragt, warum manche Hütten voll ausgelastet sind und wir nicht», sagt er schmunzelnd. Er weiss, dass die Gletscher, welche die Hütte umringen, nicht gerade einladend sind für unerfahrene Alpinwanderer oder Familien. «Wenn man sich eine goldene Nase verdienen will, dann sollte man nicht Hüttenwart werden», scherz er, hat aber derzeit allen Grund guten Mutes zu sein: Trotz Corona sei diese Saison besser verlaufen als in den Vorjahren. Neben den Wochenenden sei die Hütte auch unter der Woche gut ausgelastet gewesen. «Man merkt, dass die Leute einen Bewegungsdrang haben», sagt er. «Auch das Wetter hat gut mitgespielt: Es waren sehr gute Verhältnisse zum Bergsteigen.»


Ein absolutes Privileg, dort oben zu arbeiten


Die Gäste sind eine Motivationsquelle für Toni Brunner. «Wir geniessen die Begegnungen mit den Menschen und machen die Arbeit wirklich gerne», sagt er. Er und Erika Brunner wollen «den schönsten Job der Welt», wie er ihn nennt, noch einige Jahre lang behalten. Es sei ein absolutes Privileg, im hochalpinen Gebirge arbeiten zu dürfen. Und wenn man wieder unten sei, geniessen sie am meisten wieder die warmen Temperaturen und die grüne Landschaft.

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