• Gülpinar Günes

Während der Pandemie haben viele Menschen zugenommen – das raten nun zwei Personal Trainer

Die Pandemie stellte den Alltag auf den Kopf und strapazierte auf mehreren Ebenen die Gesundheit der Menschen. Viele haben in dieser Zeit zugenommen, beim Nachbar Deutschland sogar durchschnittlich 5 Kilos. Dass es auch in der Schweiz der Fall ist, bestätigt der Personal Trainer Verband. Sie geben Tipps, wie die Kilos wieder verschwinden, für immer.

Mit mehr Bewegung wird man die zusätzlichen Kilos wieder los. Doch der Sport muss auch Spass machen, damit wir dranbleiben. (Quelle: Hanspeter Schiess)

Homeoffice im Herbst 2020. Der Drucker steht zwei Schritte neben dem Pult, der Kühlschrank zehn Schritte weiter in der Küche aber der nächste Besuch im Fitnesscenter scheint noch in weiter Ferne. Wenig Bewegung, mehr als genug Zeit zum Essen: Die zusätzlichen Coronakilos sind bei vielen Leuten eine Tatsache.


Laut einer deutschen Studie, sollen 39 Prozent der Menschen während des Lockdowns, der in Deutschland länger dauerte als hierzulande, im Durchschnitt 5,6 Kilo zugenommen haben. Bei Teilnehmern die bereits Übergewicht hatten, betrug die Gewichtszunahme sogar durchschnittlich 7.2 Kilogramm.


Auch in der Schweiz dürfte der eine oder die andere beim Gang auf die Waage diesem Sommer etwas erschrocken sein. Forschungsergebnisse des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigen, dass sich vor allem der zweite Lockdown negativ auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung auswirkte: Der Stresslevel stieg, die Lebensqualität nahm ab und damit auch die Bewegung im Alltag.


(Quelle: EKFZ Ernährungsmedizin)

Ein Teufelskreis entsteht


«Für mich sind Übergewicht und Corona gewissermassen zwei Pandemien, die sich gegenseitig aufschaukeln», sagt Philipp Gerber, leitender Arzt des Adipositas Zentrums in Zürich in einem Gespräch mit dem Magazin der Universität Zürich.


All die Stressfaktoren der Pandemie führen laut Gerber vor allem bei übergewichtigen Menschen zu einem Teufelskreis: Der Stress löst ein grösseres Bedürfnis nach Selbstbelohnung aus und die Nascherei beginnt. So nehmen die Betroffenen schnell zu, trauen sich nicht mehr in die Öffentlichkeit und bewegen sich dadurch noch weniger. Bei Betroffenen könne die Gewichtszunahme bis über 10 Kilogramm betragen, so Gerber auf Nachfrage. Allerdings seien bis anhin keine genauen Daten erhoben worden, auch nicht vom BAG.

Thierry Kapp, Geschäftsführer SPTV (Quelle: zvg)

Die Tendenz zu mehr Kilos bestätigt aber auch der Schweizer Personal Trainer Verband. «Die Gewichtszunahme war bei meinen Kunden eindeutig», sagt Thierry Kapp, Geschäftsführer des Verbands. Zu seinem Kundenstamm gehören mehrheitlich arbeitstätige Männer und Frauen über 40, die bereit sind und über die Mittel verfügen, in ihre Gesundheit zu investieren.


Die Pandemie stiehlt die Motivation


Einige seiner langjährigen Kunden hätten das Training im zweiten Lockdown ganz pausiert, sagt Kapp. «Die Leute fühlten sich in dieser neuen Situation nicht mehr wohl, waren gestresst und einsam.» Und das überwiegend schlechte Wetter während des zweiten Lockdowns sowie in diesem Sommer befeuere die «Bewegungsträgheit» nur noch mehr.


Anke Kopfmüller, Präsidentin SPTV (Quelle: zvg)

Auch Anke Kopfmüller, Präsidentin des Verbands, ist aufgefallen, dass einige ihrer Kunden über Übergewicht klagen. Ein Kunde habe sich noch vor der Pandemie von den Trainings abgemeldet. Schliesslich sei er aber gemeinsam mit seiner Frau und einigen Kilos mehr zur Trainerin zurückgekehrt. Kopfmüller: «Ich stelle fest, dass die Leute allgemein nicht mehr so fröhlich

sind.» Der Stresslevel sei gestiegen und die Stimmung vielerorts gedrückt. «In diesen Fällen isst man auch mehr, um sich Gutes zu tun.»


Nicht gleich Grund zur Sorge


Allerdings ist eine geringe Gewichtszunahme nicht gleich ein Grund zur Sorge. Der Leitende Arzt des Zentrums für Adipositas, Philipp Gerber, betont, dass zwei, drei Kilos für einen gesunden Menschen kein Problem sind. «Diese Leute haben sehr gute Chancen, ihr Gewicht wieder ins Lot zu bringen», sagt er, sobald wieder der normale Tagesrhythmus einkehrt und die schlechten Angewohnheiten, die man während der Pandemie angenommen hat, wie zum Beispiel Alkohol trinken und naschen, abgewöhnt werden. Problematisch werde es aber vor allem bei Menschen, die bereits an Übergewicht leiden.


«Sie nehmen häufig mehr als nur drei Kilos zu und haben mehr Mühe, das wieder loszuwerden.»

Er rät daher, den eigenen Bodymassindex (BMI) im Auge zu behalten und diesen eventuell auch professionell abzuklären und den Körperfettanteil messen zu lassen. Bei Verdacht auf Übergewicht (BMI über 25), spätestens aber bei Adipositas (BMI über 30) sollen Betroffene den Hausarzt oder eine andere Anlaufstelle, wie etwa eine Ernährungsberatung oder ein Adipositaszentrum kontaktieren. «Lieber zu früh als zu spät das Thema anpacken», ist Gerbers Devise.


Auch Kopfmüller und Kapp empfehlen eine persönliche Beratung, sei dies in Sachen Sport oder Ernährung. Zumal sie derzeit auch vermehrt andere Pandemie-Begleiterscheinungen, wie Rücken- und Nackenschmerzen beobachten und im Rahmen ihrer Möglichkeiten behandeln. Die Nachfrage nach Personal Training sei Moment gross, der Kundenstamm sei deutlich gewachsen.




Alltagstipps vom Personal Trainer

Kopfmüller und Kapp empfehlen, sich eine Bewegungsform zu suchen, die einem wirklich Spass macht – nur so bleibe man langfristig auch dran. Wichtig sei auch, sich zu fragen, ob man eher der Typ für Gruppensport oder Einzeltraining ist? Vielleicht findet man im Turnverein die nötige Motivation oder geniesst die Ruhe auf einem gemütlichen Spaziergang. Ohnehin raten die beiden Personal Trainer vor allem übergewichtigen Menschen, mit einfachen aber regelmässigen Bewegungen zu beginnen.

Wer etwas mehr Budget hat, kann einen Berater oder eine Beraterin herbeiziehen oder sich zumindest ein passendes Fitnesscenter suchen. Die beiden Sport-Experten empfehlen Anfängern eher kleinere Fitnesscenter aufzusuchen, wo sie persönlich und mit viel Know-How unterstützt werden. Von Trainingsapps als Alternative zum Fitnesscenter raten sie aber eher ab, da sich ohne jegliche Kontrolle und Beratung falsche Bewegungsabläufe ins Training einschleichen können und damit das Verletzungsrisiko steigt. Ernährungsapps hingegen finden die beiden Personal Trainer sinnvoll. Sie empfehlen «MyFitnessPal». Bekannt sind aber auch «Fddb» oder «Yazio». Mit diesen kann man die tägliche Kalorienzufuhr kontrollieren und sieht auf einen Blick, wie viele Proteine, Fette und Kohlenhydrate man zu sich genommen hat. Vielen Menschen sei nämlich nicht bewusst, wie viel Zucker sie beispielsweise zu sich nehmen. Man soll aber nicht von Anfang an auf alles verzichten, sondern etappenweise Ungesundes aus dem Alltag streichen.