• Gülpinar Günes

Der Mensch mindert auch das Wachstum gewisser Pilze – jetzt werden sie schweizweit besser geschützt

In den nächsten drei Jahren erstellt das Datenzentrum Swissfungi eine neue Rote Liste zu den hiesigen Pilzen. Noch weiss man wenig über sie – aber fast 1000 Arten sind vom Aussterben bedroht und werden von der intensiven Land- und Forstwirtschaft weiter verdrängt.


Bitterer Saftling, stark gefährdet (Quelle: zvg/Markus Wilhelm)

Die Welt der Pilze ist unfassbar gross aber kaum sichtbar unter der Erde versteckt. Vielleicht ist den meisten deshalb nicht bewusst, dass sie für die Ökologie sehr wichtig sind. Während Tiere und Pflanzen längst geschützt und gefördert werden, kämpfen Pilze allein gegen schädliche menschliche und klimatische Einflüsse auf ihre Ökosysteme. Doch seit einigen Jahren regt sich was in der Schweiz.


Nachdem das Bundesamt für Umwelt (BAFU) 2007 zum ersten Mal auch Pilze auf der roten Liste der gefährdeten Lebewesen erfassen liess, hat es dieses Jahr eine zweite Datenanalyse beim Informationszentrum SwissFungi in Auftrag gegeben. Aber auch in Sachen Artenschutz und -vielfalt machen die Kantone vorwärts. Andrin Gross, Leiter des Datenzentrums Swissfungi, sagt:


«Pilze wurden bisher nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit stiefmütterlich behandelt.»

Sie seien auch schwierig zu erfassen, weil sie nur ein bis zwei Mal im Jahr Fruchtkörper bilden – das sind die Pilze, die sie oberhalb des Bodens bilden. Das mache wiederum den Schutz der Pilze schwieriger. Dabei sind beispielsweise im Wald viele Bäume auf Pilze angewiesen und umgekehrt.


Diese sogenannten Mykorrhizapilze leben in einer Symbiose mit ihnen und sind auf das überschüssige Zucker der Bäume angewiesen, die diese über die Photosynthese herstellen. Im Gegenzug versorgen die Pilze die Baumwurzeln mit Nährstoffen und filtrieren gewisse Schadstoffe heraus. Je kräftiger und gesünder die Bäume sind, desto eifriger wachsen auch die Pilze rund herum. Der Steinpilz ist ein bekanntes Beispiel dafür.


Die Land- und Forstwirtschaft als Gefahr


Allerdings nehmen seit mehreren Jahrzehnten schädliche Umwelteinflüsse auf die Pilze zu und verdrängen gewisse Arten, wie die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) schreibt. Eine langjährige Studie im ehemaligen Pilzreservat La Chanéaz im Kanton Freiburg hatte gezeigt, dass Stickstoff das Wachstum von Mykorrhizapilzen sowohl über- als auch unterirdisch hemmte.


Aus ähnlichen Gründen bedroht seit rund 100 Jahren die intensive Landwirtschaft die Pilzvielfalt auf Wiesen und Weiden: Wie aus der Roten Liste von 2007 hervorgeht, sind diverse Pilzarten, die auf mageren Weiden und Trockenwiesen wachsen, stark gefährdet. Insgesamt befinden sich 937 Pilzarten darauf und weitere 12 Arten gelten als besonders schützenswert, es ist verboten, sie zu pflücken.


Auch die intensive Forstwirtschaft lässt den Pilzen oft zu wenig Raum. Pilze, die beispielsweise auf Totholz wachsen, haben es in diesen Wirtschaftswäldern nicht leicht. Neuste Untersuchungen von SwissFungi in einem Naturreservat hätten gezeigt, dass die Vielfalt der Pilze steigt, wenn das Ökosystem sich selbst überlassen wird. Das streben laut Andrin Gross bereits alle Kantone an. Graubünden beispielsweise hat mittlerweile verschiedene Pilzreservate errichtet und der Kanton Genf sei ebenfalls aktiv geworden, indem er im Wald gezielt Totholz liegen lasse.


Auch das BAFU versucht die Pilze zu fördern. Es definierte unter anderem diverse Zielarten: Das sind gefährdete oder seltene Pflanzen-, Tier- und Pilzarten, die man explizit fördern will, um die Biodiversität im Wald und in der Landwirtschaft aufrecht zu erhalten.


Wiesen und Weiden noch kaum erforscht


Das Daten- und Informationszentrum SwissFungi selbst setzt sich seit rund 20 Jahren im Auftrag des BAFU für den Schutz und die Förderung von Pilzen ein. Dazu arbeitet das Zentrum mit einer Pilzfunddatenbank, wo Pilzexpertinnen und -experten sowie Hobbysammler ihre Funde melden können. SwissFungi stellt die Infos anschliessend zu einer Karte zusammen. Ein Grossteil der Funde stamme allerdings aus dem Wald, sagt Markus Schlegel, wissenschaftlicher Mitarbeiter. Lediglich rund 8 Prozent seien Funde, die auf Wiesen oder Weiden zurückführen – repräsentativ sei das nicht. Umso wichtiger sei nun der Auftrag, eine neue rote Liste zu erstellen.


Seit diesem Jahr suchen die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter systematisch auch abgelegene Gebiete und vor allem auch Wiesen und Weiden in der Schweiz nach Pilzen ab. «Wenn man explizit darauf achtet, findet man auch viele seltene Arten», sagt Schlegel. Die Liste, die voraussichtlich 2025 fertig werden soll, dient als Grundlage für weitere schweizweite Schutz- und Biodiversitätsmassnahmen.



Gefahr durch eingeschleppte Pilze


Pilze sind nicht nur gefährdet, sie können auch gefährlich sein und das nicht nur wegen ihres Giftes. Nämlich wenn sie aus dem Ausland eingeschleppt und invasiv werden. Laut WSL steigt die Anzahl dieser sogenannten Neomyceten seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Zunahme des weltweiten Handels exponentiell an.

Während die meisten von ihnen harmlos sind, stellen einige eine erhebliche Gefahr für die hiesigen Pflanzen dar. So wird beispielsweise das Eschensterben vom ostasiatischen Falschen Stängelbecherchen verursacht – ein Neomycet, der in der Schweiz erstmals 2008 festgestellt wurde und die gemeine Esche befällt. Meist sind es parasitische Pilze, die gefährlich werden – das heisst sie nutzen andere Pflanzen als Wirt und schwächen diesen.